Wie sich die Purge-Reihe mit jedem Film neu erfindet


The Purge 3 - Election Year
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The Purge 3 - Election Year
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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Die Ausgangslage der Purge-Reihe verspricht eine dystopische Zukunft: Jährlich führen die sogenannten Neuen Gründerväter Amerikas, von denen die USA im Jahr 2022 regiert werden, eine Purge-Nacht durch. In dieser Art der Säuberung werden alle Verbrechen innerhalb des Landes 12 Stunden lang für legal erklärt, was auch schwere Vergehen wie Mord mit einschließt. Das Ergebnis dieses Szenarios zeugt von Erfolg, denn tatsächlich ist es der Regierung hierdurch gelungen, die Kriminalitätsrate das gesamte restliche Jahr über bei unter 1 Prozent zu halten. Effektiv verschleiert die Regierung dabei, dass es bei der Purge-Nacht vor allem darum geht, die sozial Schwachen, für die der Staat nicht mehr aufkommen will, auf rabiate Weise aus dem Weg zu schaffen.

Purge-Schöpfer James DeMonaco hat sich in mittlerweile 4 Filmen als Regisseur oder Drehbuchautor mit diesem Konzept auseinandergesetzt, stets unter dem kostengünstigen Deckmantel der Blumhouse-Produktionsschmiede, die den Horrorfilm in den letzten Jahren für sich eroberte. Entstanden sind hierbei vorwiegend kleinere, schmutzige B-Movies, die sich zwischen Horror, (Psycho-)Thriller, Gesellschaftskritik und Politsatire selten klar definieren lassen. Anlässlich des kürzlich im Kino gestarteten The First Purge wollen wir einen Blick auf das Franchise werfen, das sich bislang mit jedem Film aufgrund von variierenden Genre-Stilrichtungen oder thematischen Schwerpunkten neu erfindet.

The Purge - Die Säuberung als reduzierter Home-Invasion-Horror

Dient der Auftakt von The Purge - Die Säuberung noch dazu, dem Zuschauer das Konzept knapp und verständlich zu erläutern, beschränkt Regisseur James DeMonaco das Ausmaß der Purge-Nacht in diesem 1. Teil anschließend auf die eigenen vier Wände einer einzelnen Familie. Im Mittelpunkt der Handlung befindet sich der Familienvater James Sandin (Ethan Hawke, der sich als Schauspieler ebenfalls regelmäßig neu erfindet), der zu großem Reichtum gekommen ist, indem er Sicherheitssysteme an wohlhabende Menschen verkauft, die in der Purge-Nacht auf maximalen Schutz vertrauen wollen. Als im Film schließlich die Sirenen ertönen und die alljährliche Säuberung ausgerufen wird, verwandelt sich The Purge - Die Säuberung für James, seine Ehefrau Mary (Lena Headey) sowie seine beiden Kinder jedoch in einen nackten Überlebenskampf.

Geschickt inszeniert DeMonaco seinen Erstling der Purge-Reihe als reduzierten Home-Invasion-Horror, der sich beinahe ausschließlich im Haus der Sandins abspielt. Die mörderischen Eindringlinge werden durch ihre psychopathischen Masken zum Sinnbild eines Wirklichkeit gewordenen Alptraums der weißen Oberschicht, der eine vermeintliche Sicherheit sowie Überlegenheit aufgrund ihrer Privilegien zum Verhängnis wird.

The Purge 2 - Anarchy als apokalyptischer Action-Thriller

Aufgrund der vielzählig geäußerten Kritik, der 1. Teil der Purge-Reihe hätte das nationale Ausmaß des Konzepts völlig vernachlässigt, führt Regisseur James DeMonaco die neuen Figuren in The Purge 2 - Anarchy größtenteils raus auf offene Straßen. Der nahezu minimalistische Horror-Stil des Vorgängers weicht hierbei geradliniger Action inmitten eines anarchistischen Ausnahmezustandes, welcher sicherlich nicht rein zufällig an maßgeblich prägende Werke von John Carpenter wie Assault - Anschlag bei Nacht und Die Klapperschlange erinnert.

Im Interview mit Complex offenbarte sich DeMonaco, der als Drehbuchautor zuvor selbst an dem Remake Das Ende - Assault on Precinct 13 beteiligt war, als großer Carpenter-Fan. In weitläufigen Straßenschluchten, engen U-Bahn-Stationen oder Wohnungen beschwört der Regisseur daher bewusst den typischen 1970er- sowie 1980er-Jahre-Spirit vergangener Action-Produktionen, die krachende Konfrontationen bevorzugt in apokalyptische Stimmungsbilder einbetteten. Mit Frank Grillo als durchschlagskräftigen Racheengel mitsamt ausgeprägter Waffenexpertise hat der Regisseur außerdem den richtigen Schauspieler im Gepäck, um Kurt Russells Snake Plissken die gebührende Ehre zu erweisen.

The Purge 3 - Election Year als chaotische Politsatire

Mit Hinblick auf den zum damaligen Zeitpunkt parallel stattfindenden Präsidentschaftswahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton ist The Purge 3 - Election Year die angemessen chaotische Groteske für heikle Zeiten. In den Mittelpunkt der Handlung von Teil 3 stellt Regisseur James DeMonaco eine Senatorin, die nicht nur gute Chancen auf die Wahl zur Präsidentin hat, sondern sich darüber hinaus das Ziel gesetzt hat, das umstrittene Purge-Gesetz abzuschaffen. Dadurch wird sie zur Zielscheibe der Reichen und Mächtigen, die von dem Gesetzt nach wie vor profitieren.

Von einem ausgeklügelten Politthriller, der reale Umstände satirisch aufgreift und weiterdenkt, ist The Purge 3 - Election Year weit entfernt. Durch den durchwegs politisch unkorrekten, zynischen Tonfall verzerrt der Regisseur ernste Themen ins haarsträubende Gegenteil und zeigt beispielsweise Ausländer, die zum sogenannten Murder Tourism in die USA strömen und Masken ehemaliger Präsidenten tragen. Derweil versammeln sich junge Teenagerinnen zu den Klängen eines Miley Cyrus-Songs vor einem Kiosk, um jeden darin wegen eines Schokoriegels auszulöschen. Zuletzt dürfen auch eine paramilitärische Neo-Nazi-Einheit sowie christliche Fundamentalisten nicht fehlen. Zwischen gespaltener Unentschlossenheit und bizarren Bedenken fasst The Purge 3 - Election Year die Lage einer zerrissenen Gesellschaft in exzessive, cartoonhaft überspitzte Bilder.

The First Purge als wütende Kampfansage

Auch wenn The First Purge als Prequel angelegt ist, bewegen sich die Ereignisse des Films näher denn je an der momentanen Gegenwart. Der afroamerikanische Regisseur Gerard McMurray rückt mit ebenfalls afroamerikanischen Protagonisten erstmals diejenigen in den Vordergrund, die von den Ereignissen einer Purge-Nacht am drastischsten betroffen sind. Als Schnittmenge aus dem Horror von Teil 1 und den Action-Sequenzen von Teil 2 fällt The First Purge vor allem durch die Wahl eines Regisseurs auf, der sich politisch deutlich positioniert.

McMurray lebt seine Kultur offensiv in der Inszenierung aus und so sind es diesmal vermehrt dunkle Trap-Beats auf der Tonspur, die von Finsternis und Chaos zeugen. Zuletzt feiert The First Purge die aufrührerische Ermächtigung einer unterdrückten, afroamerikanischen Bevölkerungsschicht in einem wutentbrannten Action-Finale mit Blaxploitation-Einschlag und nutzt entfesselte Katharsis für einen wütenden Aufschrei gegen staatliche Korruption und gesellschaftlichen Rassismus.

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