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Ein ziemlich unterschätztes Kleinod, dieser Inherent Vice.

Shasta Fay Hepworth?


Es geht doch nichts über Teelichter.
© Das war ich selbst
Es geht doch nichts über Teelichter.


Larry "Doc" Sportello (Joaquin Phoenix) ist ein sehr ausgeglichener Privatdetektiv, der sich im Jahr 1970 mit kleinen Ermittlungen über Wasser hält und auch sonst nur wenig anbrennen lässt. Als seine verflossene Muse Shasta Fay Hepworth (Katherine Waterston) mit einer Ermittlung über ihren neuen Freund, einen Milliardär und Baulöwen, und dessen Frau, und deren Freund ankommt, nimmt ein wirres und zu köstliches Stoner-Krimi-Filmchen namens Inherent Vice - Natürliche Mängel seinen unbeirrt-geilen lauf. Regisseur und Autor Paul Thomas Anderson hat schon alles gemacht, erdacht und gesponnen. Meist tröpfelt Anderson Meisterstücke ab. Sein gelungenes Debüt Last Exit Reno, sein "über Nacht berühmt"-Film Boogie Nights, der faszinierende Magnolia, der überaus gelungene Punch-Drunk Love und natürlich seine Meisterwerke There Will Be Blood, The Master und Der seidene Faden. Hach! In all diesen Werken trumpft die große Regie Andersons mit der Eigenständigkeit und Finesse auf. Ein Mann, der scheinbar immer freie Hand in seinen Projekten hat. Ein Stempel wie kein Zweiter. Anderson lässt sich immer genügend Zeit für seine Werke und jeder Film begeistert auf seine ganz eigene Weise. Man darf gespannt sein, wo uns Anderson noch hinführt.


Inherent Vice ist Andersons lockerster Film und trotzdem dürften viele Zuschauer die durchzechten Segel ziehen, einpacken und ein nüchterneres Stück Celluloid vorziehen. Einfache Logik, einen richtigen, echten Sinn oder nachvollziehbare Ergebnisse sind, trotz des geilen Off-Comments, keine bewussten Stärken, die Inherent Vice auszeichnen. Anderson verfilmte den Roman Natürliche Mängel von Thomas Pynchon. Und was im Buch nur schwer nachvollziehbar war, funktioniert im Film, zumindest für mich, deutlich besser. Zweieinhalb Stunden absolutes Platin. Anderson bringt die Intention und Intonation des Buches sehr gut rüber und fängt die stimmige Atmo der Siebziger des letzten Jahrhunderts besser ein, als jeder andere Film, der das dieser Tage versuchte. Eine ausgezeichnete Adaption voller Details und winzigster Highlights. Alles wie gewollt. Ich las den Roman nach der glorreichen und auf ewig süchtig machenden Sichtung des Filmes und muss Anderson höchstes Lob aussprechen, denn ohne die Gesichter und Bahnen des Filmes, hätte ich sicher ganz schön zu tun gehabt, alles richtig zu ordnen. Anderson verwässerte nichts und eichte die Übergänge wunderbar. Ein faszinierender Trip mit pulsierenden Schatten und flimmernden Lichtern in den Augen. Schwer unterschätzt, dieser Inherent Vice . Schwer unterschätzt. Für mich persönlich ist Inherent Vice genau der gewachsene, ausufernde und spirituelle Nachfolger zu The Big Lebowski geworden, den ich mir über die Jahre heimlich herbei gesehnt hatte. Natürlich unterscheiden sich beide Filme in zig Ecken und Enden, aber genau so einen Film habe ich mir immer gewünscht.


Im Gegensatz zu Jeffrey Lebowski und seinem Teppich-Problem, ist es auch angenehm schwer zu sagen, um was es in Inherent Vice wirklich geht. Keine Ahnung. Ich will es auch gar nicht so genau wissen, denn so ist jeder neue Kontakt, jeder neue Joint und ein jedes Bierchen mit Larry "Doc" Sportello ein Erlebnis. Inherent Vice ist so vollgestopft mit Querschlägern und Absurditäten, der perfekt eingeklampfte Soundtrack von Jonny Greenwood und die gut ausgewählten Songs aus jener Zeit unterstreichen die quirlige Note des Films. Der Fall des Doc Sportello schwingt in jede Richtung, bumst und knallt, kommt wieder zurück. Alle haben irgendwie etwas miteinander zu tun, ohne das auch nur eine Figur etwas wirklich sinnvolles beizusteuern hat und trotzdem gleite ich jedes mal wieder mit einem absolut entspannten Grinsen in den Abspann. Zweieinhalb Stunden Gefasel. Das jede Figur im Gegensatz zu einander agiert, sorgt für jede Menge witzige, ikonische und skurrile Szenen. Schön ist, dass Anderson diese Szenen oft ewig in die Länge zieht und richtig auswalzt. Dieser Humor zündet auch mit der xten Sichtung und selbst wenn Inherent Vice kein flammendes Stakkato an Gags auffährt oder mit Fäkalien herumwirft, punktet die unwiderstehliche Mélange aus einem atmosphärischen Krimispielchen und der grandiosen Situationskomik.


Das spielfreudige Ensemble ist perfekt gewählt und alle haben richtig Bock, sind sich für nichts zu schade. Joanna Newsom, welche den Plot per Off-Comment schildert und auch in einigen kleinere Szenen als Engel auf der Schulter von Doc sitzt, überzeugt auch abseits ihrer beispiellosen Musikkarriere. Dann der absolut cool agierende Owen Wilson und natürlich Benicio del Toro, der mit einem unvergesslichen und höchst amüsanten Auftritt alle Register zieht. Jena Malone ("das sind wirklich tolle Zähne"), Eric Roberts, und der alles überragende Josh Brolin! Steinig und goldig. Brolin ist hier richtig geil drauf. Joaquin Phoenix ist der Mann, der letztlich alles an die Wand spielt und eine sanft-betäubte Show für die Ewigkeit auf die Leinwand ballert. Phoenix besticht zwischen stoischer Beton-Mimik und schlaksiger Nervosität, macht den Dude 2.0 und liebt das Leben ein bisschen schräger als andere. Unbedingt im O-Ton rauchen. Nach der krassen Tour de force in The Master, ist es ein launisch-verquerter Spaß, diesem begnadeten Schauspieler in so einer spaßigen und unvergesslichen Rolle aufgehen zu sehen. Wo Phoenix draufsteht, ist auch Phoenix drin. Das wird sich wohl niemals ändern.


Ein herrlich-abgedrehtes Krimi-Vergnügen, das auf NICHTS, aber wirklich gar NICHTS gescheites hinausläuft, mit aufregenden Darbietungen, einem herrlich beklopften Plot, zeitlich perfekt platzierten Handlungskniffen und mit grandios-pointierter Komik punktet. Der geilste Bart, die beste Zigarette, das beste Pils und dieser gute Rückschlag! Einfach träumen und im Nebel des Schlafes versinken.



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