Nicolas Winding Refn will mit seinem Streaming-Dienst die Welt retten


Bereit, die Welt zu verändern: Nicolas Winding Refn
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Bereit, die Welt zu verändern: Nicolas Winding Refn
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Schaut zu viel ins Internet.

"Das Kino ist tot", erzählt Nicolas Winding Refn im Rahmen des Lumière Film Festivals dem Filmkritiker Peter Bradshaw, ehe er von der Wiederauferstehung der bewegten Bilder berichtet. Das Interview erscheint wenige Tage, nachdem der Regisseur von kontrovers aufgenommenen Filmen wie Drive, Only God Forgives und The Neon Demon im Guardian seinen neuen, eigenen Streaming-Dienst vorstellt. Der soll als strahlendes Licht in einer der düstersten Stunden des Kinos und der Weltgeschichte die Menschen inspirieren und für vergessene B-Movie-Klassiker begeistern. Wo Netflix, Amazon und Co. in den letzten Jahren ein sehr einseitiges Bild von Streaming-Kultur entworfen haben, soll byNWR.com die Möglichkeiten einer sorgfältig kuratierten Streaming-Plattform ausloten und ein neues Bewusstsein für die Rezeption von Filmen schaffen. Als Verbündete stehen Nicolas Winding Refn das Harvard Film Archive, Milan Records und MUBI zur Seite.

byNWR - Ein Streaming-Himmel gegen die Banalität der Unterhaltungsindustrie

Gleich in der Einleitung seines Gastbeitrags im Guardian schreibt Nicolas Winding Refn von der beängstigenden Zeit, in der wir leben. In den vergangenen sechs Monaten hat er in den USA seine Amazon-Serie Too Old To Die Young gedreht und offenbar keine guten Erfahrung gesammelt. Der Name Donald Trump fällt genauso selbstverständlich wie der Vergleich mit einer dystopischen Reality-TV-Show: Nicolas Winding Refn sieht sich in einer apokalyptischen Kultur gefangen und hofft, durch byNWR eine Möglichkeit im Angesicht dieses Erdbebens, wie er es nennt, gefunden zu haben. Mit dem Anspruch, die Komfortzone zu Überwinden, verlangt Nicolas Winding Refn Kunst, die sich fordernd gegen die Ausstellung des "guten Geschmacks" stellt. Diesem "Hauptfeind der Kreativität" will er mit byNWR keine Plattform bieten. Stattdessen will er die Banalität der Unterhaltungsindustrie bekämpfen. Der Leitspruch seines Streaming-Dienst lautetet daher:

Geboren aus einer Leidenschaft für das Seltene, das Vergessene und das Unbekannte, haucht byNWR dem kulturell Faszinierenden, Beeinflussenden und Extremen neues Leben ein.

Während die Streaming-Konkurrenz zu Fast Food-Ketten verkommen und Uwe Bolls BollFlix lediglich der eigenen Filmographie des Filmemachers frönt, versteht sich Nicolas Winding Refn als jemand, der Ideale verteidigt. Dabei ist er auch bereit, in die eigene Tasche zu greifen, um ein Projekt zu stemmen, das sich der aufmerksamen Rezeption des Mediums Film verschrieben hat. Im Guardian schildert er seine Vision weiter:

Ich will, dass [byNWR] ein unkontrollierter Ort aus wunderschönem Chaos wird, wo jeder sein eigenes Universum kreieren und seine eigenen Gedanken aussprechen kann, ohne, dass er von einem großen Betrieb überwacht wird. Ein Ort der freien Meinungsäußerung und des freien Zugangs.

Nicolas Winding Refns Streaming-Dienst ist genauso radikal wie fantastisch

Die extrem formulierte Verachtung gegenüber der Unterhaltungsindustrie verleiht Nicolas Winding Refns ehrgeiziger Unternehmung einen unangenehmen Hauch von Engstirnigkeit und Verallgemeinerung. Also zwei Dinge, für die sein Streaming-Dienst eigentlich überhaupt nicht stehen will und sollte. Wie nicht anders zu erwarten dominiert das Design vor Übersicht und Funktionalität. Große Bilder und Texttafeln verdeutlichen den Fokus auf eine ausgefeilte Ästhetik, die in Nicolas Winding Refns Schaffen stets eine übergeordnete Rolle spielt. Sobald sich der Benutzer jedoch einen Überblick verschafft hat, sind klare Formen und Strukturen erkennbar, was allerdings auch daran liegt, dass es (noch) keinen Backkatalog zu entdecken gibt.

Pro Quartal wird ein sogenanntes Volume veröffentlicht, das thematisch unter einem Motto zusammengefasst wird. Jedes Volume enthält drei ausgewählte Filme, die in monatlichen Abständen erscheinen, in HD und Originalsprache mit optionalen Untertiteln (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch). Sämtliche Inhalte sind komplett kostenlos, während MUBI-Mitglieder einen verfrühten Zugang erhalten, bevor die einzelnen Titel für alle angemeldeten byNWR-Nutzer zur Verfügung stehen. An diesem Punkt ist jedoch noch lange nicht Schluss. Wo bei Netflix und Amazon unmittelbar mit dem Einsetzen des Abspanns ein Countdown zum nächsten Film startet, offeriert byNWR ein umfangreiches Begleitprogramm, das für jedes Volume von einem Gastautor beaufsichtigt wird und sich aus diversen Essays zusammensetzt. Diese greifen nicht nur auf Worte, sondern auch auf (audio-)visuelle Medien (sogar 3D via VR-Technologie) zurück.

byNWR bietet mehr als nur vergessene B-Movie-Klassiker

Um ein konkretes Beispiel zu bringen, haben wir uns das erste Volume angeschaut, das - wie schon im Oktober letztes Jahr angekündigt - unter dem Motto Regional Renegades steht und von Journalist und Biograph Jimmy McDonough als Gastautor betreut wurde. Die drei Chapter des ersten Volumes beschäftigen sich mit den Filmen The Nest of the Cuckoo Birds von Bert Williams, Hot Thrills and Warm Chills von Dale Berry und Shanty Tramp von Joseph P. Mawra. Dazu kommen pro Film bis zu 16 ergänzende Beiträge, die sich nicht nur mit dem Werk an sich auseinandersetzen, sondern ebenfalls Einblick in den Restaurationsprozess geben und sich mit weiterführenden Themen beschäftigen. Im erwähnten Guardian-Text betont Nicolas Winding Refn die persönlichen Bezüge zu den Filmen und Regisseuren, die für ihn bei seiner Auswahl entscheidend waren.

Im zweiten Volume, das unter dem Titel Missing Links auf byNWR angeteasert wird, erwarten uns Night Tide von Curtis Harrington, If Footmen Tire You, What Will Horses Do? von Ron Ormond und Spring Night, Summer Night von Joseph L. Anderson. Als Gastautor wird derweil Little White Lies genannt, während David Jenkins, Filmkritiker und Chefredakteur des Magazins, in der Einführung als Autor steht. Die Auswahl erweist sich erneut als mindestens interessant, selbst wenn die Filme wohl nur den wenigsten etwas sagen dürften. Doch genau darin besteht der große Reiz von byNWR: Hier geht es um das Entdecken, das Erinnern und die Auseinandersetzung. So befremdlich und herablassend Nicolas Winding Refns Haltung gegenüber der Unterhaltungsindustrie wirkt, von der er mit seiner Amazon-Serie genauso ein Teil ist, so ehrenwert und nobel ist sein Vorhaben, Filmgeschichte und -kultur zu fördern und verfügbar zu machen.

Nicolas Winding Refn fördert die Streaming-Kultur

Angefangen bei der Ermöglichung des freien Zugangs bis hin zur Finanzierung aufwendiger 4K-Restaurationen aus der eigenen Tasche: Ohne Nicolas Winding Refns Selbstlosigkeit zu überschätzen und ihn als Retter von Kino und Streaming zu stilisieren, denn das ist er sicherlich nicht, stellt byNWR schlussendlich einen schönen Kompromiss dar. Selbst wenn die radikalen Ansprüche nur auf eine denkbar kleine, eingeschworene Gemeinschaft an Cineasten schielt, ist fortan eine Auswahl an vergessenen Filmen kostenlos für alle Interessierte zugänglich - und das nicht nur in Form von abspielbaren Dateien, sondern ebenfalls durch thematischen Begleitung, die beides ermöglicht: den Einstieg und die Vertiefung.

Was haltet ihr von Nicolas Winding Refns Streaming-Unternehmung?

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