Legion: Im Finale der 2. Staffel wird Legion zur Superschurken-Serie


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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei protechnonews.info, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Gut und böse sind Kategorien, die im Finale der 2. Staffel von Legion so einfach nicht mehr greifen. In einer traditionellen Superhelden-Story würde der langerwartete Kampf zwischen David und dem Shadow King den Höhepunkt markieren, in Kapitel 19 von Legion bildet er den fruchtbaren Boden für die bisher düstersten Entwicklungen der Serie. Eine Staffel lang wurde uns dieser Kampf als möglicher Wendepunkt im Schicksal der Menschheit angekündigt. Würde David seinem Peiniger den Schädel einschlagen und zum Weltenzerstörer mutieren oder kann diese dunkelste Zeitlinie abgewendet werden? Nun wissen wir: Die Jagd nach Amahl Farouks Körper wurde zur selbsterfüllenden Prophezeiung, obwohl der Shadow King als lebendiger Sieger hervorgeht. Einen Mord hat es nicht gebraucht, vielmehr den fürchterlichen Betrug unseres vermeintlichen Helden David Haller, durch den die "Guten" gegeneinander aufgebracht werden. David wird seinem Comic-Ebenbild Legion in dieser letzten Stunde ähnlicher. Multiple Persönlichkeiten und mehr als nur ein Flirt mit der dunklen Seite bereiten Vielversprechendes für Staffel 3 vor. Der Weg dahin war schwer, schien sich die 2. Staffel von Legion bisweilen in einem Labyrinth zu verlaufen, in der jede Sackgasse eine andere surreale Idee bereithielt. Nun hat die Serie den Ausweg gefunden und draußen herrscht tiefste Nacht.

Kapitel 19 von Legion begeistert mit einer doppelbödigen Kampfszene

Was für ein Auftakt es ist! David tritt in die Fußstapfen seines Vaters Charles Xavier, dessen Kampf gegen den Shadow King wir in der 1. Staffel von Legion als Kreide-Animation an einer Tafel gesehen haben. Diesmal wird das geistige Ringen mit riesigen animierten Skizzen ausgetragen, die eine Metamorphose nach der anderen durchleben, bis David eingesponnen vom Shadow King als Comic-Kankra vor der Niederlage steht. Es ist die spektakulärste Sequenz der 2. Staffel, ein telepathisches Treffen der Giganten, das Zeichentrick und Musical verbindet. Sowas gibt's im Superhelden-Fernsehen nur bei Legion. An den zermürbenden Paukenschlag aus Staffel 1, der Bolero-Sequenz, kann sie nicht heranreichen, doch die dürfte innerhalb der Serie dank ihrer Komplexität unerreicht bleiben. Der Eröffnungszug von Kapitel 19 jedenfalls ist Spektakel erster Güte. Weniger heroisch wirkt der Kampf mit Blick auf die Farbverteilung. Eines der einprägsamsten Beispiele für die Verblendung bzw. Delusion war jenes von der roten Ampel, die für "grün" gehalten wird, weil es einem so beigebracht wurde. Die trügerische Farbkombo wurde als symbolischer Brotkrumen über die letzten Folgen verstreut und nun sehen wir den grünen Helden David Haller (Dan Stevens) gegen den roten Schurken Amahl Farouk (Navid Negahban) kämpfen. David hält sich für den Guten in der Geschichte, genau wie der Erzähler aus Pete Townshends Behind Blue Eyes, das als musikalischer Schlachtruf über die Ebene schallt. Nur ist David in Wirklichkeit der Schurke. Was nicht heißt, dass der Shadow King der Held ist. Es ist kompliziert.
No one knows what it's like // To feel these feelings // Like I do // And I blame you

Im Finale der 2. Staffel von Legion machen sich alle Seiten schuldig. Über eine ferngesteuerte Melanie (Jean Smart) wurde Syd (Rachel Keller) dazu gebracht, David mit einer Waffe von der Ermordung des Shadow Kings abzuhalten. Scharfschützin Lenny (Aubrey Plaza) rettet Legion (Serie und Figur) vor einem rabiaten Ende. Daraufhin vernebelt David die Erinnerungen von Syd, um ihre Liebe und ihren Körper zurückzugewinnen. Es ist eine perfide Wendung der Serie, die mit ihrem vermeintlichen Helden so weit geht wie (zu) wenige andere Superheldenerzählungen in Kino und TV.

Farouk hat Syd mit realen Schlaglichtern auf Davids Taten manipuliert, anstatt sie geradeheraus zu belügen. Context is King. Das gibt David allerdings lange nicht das Recht, sie ihrer Agenda zu berauben, ohne Erlaubnis in ihrer Erinnerung herumzufegen und sie so zurückzugewinnen - weil er, der Gute, der Nette, der Nice Guy, sie verdient. "David, you drugged me and had sex with me", beschreibt Syd den enormen Vertrauensbruch später beim "Prozess". Das Wort Vergewaltigung bleibt unausgesprochen. Umso gravierender wirkt die Tat, erinnern wir uns an die schmerzvolle Scham, die Syd seit Jugendtagen in die Isolation getrieben hat. Da verlockte sie als Teenie den Lebensgefährten ihrer Mutter per Körpertausch zum Sex. Syds Trauma war eines der Schuld, die aus dem Missbrauch der eigenen Mutantenkräfte resultierte. David müsste es besser wissen.

Das Finale der 2. Staffel von Legion wird den Comics gerecht

Syd wird vom Shadow King per tierischer Eingebung zu dieser Erkenntnis getrieben. So verwickelt sie sich mit den anderen Mutanten in ein Geflecht aus Verblendungen. Verbildlicht wird das durch das architektonische Prisma der Division 3, deren viele Waben die Paranoia der Gruppe, ihre "moralische Panik", multipliziert. Es ist ein Narrenschiff im Trockendock (um das Bild von Cary (Bill Irwin) aufzunehmen). Statt der Aussprache suchen sie die Eskalation. Amahl Farouk wird von Cary mit einer telepathischen Handschelle gekrönt, eine Erniedrigung, will man meinen, doch in Division 3 sitzt der Shadow King noch auf seinem Thron. Im Finale des Finales stolziert er siegreich ins Gericht, ein Schlag ins Gesicht für David. Er sieht sich angeklagt, während sein persönlicher Miss­brau­cher zum Nebenkläger gekürt wird. Dass David dem Shadow King durch seine Manipulationen und seine Lust an der Gewalt immer ähnlicher wurde, bleibt ihm als Erkenntnis vorenthalten. Stattdessen sieht er sich, in die Ecke gedrängt, zur Überreaktion gezwungen.

Was wir in Kapitel 19 von Davids verschiedenen Persönlichkeiten sehen, ist nur ein Bruchteil dessen, was sich in seinem mächtigen Hirn in den Comics abspielt. Lobenswert ist dabei, dass die Legion-Autoren die Auseinandersetzung mit der Perspektive eines psychisch Kranken, die die Comics ausmacht, nicht zugunsten der surrealen Ekstase unter den Tisch fallen lassen. Innerhalb der Serie bilden Divad und Dvd zwei Teufelchen auf Davids Schultern. Der eine redet ihm die Verblendung als irreparablen Fehler seiner Persönlichkeit ein. David wäre damit von Grund herauf schlecht. Der andere diagnostiziert die Verblendung bei allen, nur nicht David. Die Extreme regieren, die Mitte verschwindet.

Seine Erfahrungen in Clockworks haben alles Vertrauen in Heilungsversuche zerstört. Therapie wird als persönlichkeitsverändernd gefürchtet, Hilfe zu suchen impliziert das Eingeständnis, das man nicht gut (genug) ist. Ein Mantra soll Selbsthass und Schuld versiegeln: "I'm a good person, so I deserve love." Ausgehend vom etwa zu lange geratenen Eiswürfel-Flash-Forward mit Melanie und Oliver (Jemaine Clement) steigert sich David jedoch nur noch tiefer in seine Verblendung hinein.

Den prophezeiten Weltenzerstörer sehen wir in Kapitel 19 von Legion noch nicht, doch entscheidende Schritte in diese Richtung werden getan. Es hat 11 Folgen dafür gebraucht, in denen es den Machern nicht immer gelungen ist, das surreale Spektakel vor der Wahllosigkeit zu bewahren. Damit hinkt die 2. Staffel der äußerst dichten 1. hinterher. Ihr Ende bezeugt die erzählerischen Ambitionen, die der Serie bei aller audiovisueller Experimentierfreude noch innewohnen. Ob sie sich damit verhebt, muss - gerade in Hinsicht auf die lange Zeit idealisierte Beziehung von David und Syd - die 3. Staffel zeigen. Legion beim Einknicken zuzusehen dürfte immer noch spannender sein, als andere Serien und Filme des Genres, die sich vor der Herausforderung drücken.

Zitat der Folge: "Now we pray." (Clark)

Anmerkungen am Rande:

  • "You know what I missed the most being locked in that grave for 30 years? Coffee."
  • "You were beating him to death. That's not a love story."
  • Ich will nicht zu viel hineininterpretieren, da die Beziehung lange nur oberflächlich gezeigt wird, aber Davids "She made me good" belegt die Probleme in seinem Selbstbild.
  • "You can't make someone love you. Trust me, I've tried."
  • Ein Hoch auf Navid Negahban, der den Grusel des Shadow Kings aus der 1. Staffel zur verführerisch sadistischen Coolness weiter entwickelt hat.
  • Wie er da in lila mit leuchtender Krone im Schneidersitz sitzt. Hach.
  • Regisseur Keith Gordon hat die Filmadaption The Singing Detective mit Robert Downey Jr. inszeniert. Freunde surrealer Psychotrips sollten sie (und die originale Serie mit Michael Gambon) nachholen.

Alle Recaps zur 2. Staffel von Legion:


Die 2. Staffel von Legion läuft jeden Mittwoch um 21:00 Uhr auf FOX in Deutschland und ist danach bei Sky Ticket zu sehen.

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