Hereditary: Das kontroverse Finale ist die Krönung des Horrorfilms


Hereditary - Das Vermächtnis
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Achtung, Spoiler zu Hereditary: Ist Hereditary - Das Vermächtnis überhaupt ein Horrorfilm? Wirklich sicher scheinen sich darüber viele Zuschauer des Films nicht zu sein. Eine recht deutliche Sprache über die verwirrte Ablehnung des Publikums spricht auch der negative CinemaScore, den amerikanische Zuschauer dem Film verpassten. Kritisiert wird hierbei oftmals das Finale. Regisseur Ari Aster selbst will sein Debüt, das international auf Festivals einen großen Hype erzeugte und seit dem 14.06.2018 auch hierzulande im Kino läuft, definitiv als Horrorfilm verstanden wissen. Auch das Marketing hält sich in dieser Hinsicht keineswegs zurück, wenn Hereditary in Textstellen des Trailers als der gruseligste Horrorfilm seit Der Exorzist angepriesen wird. Ein Anspruch, an dem Asters Film praktisch schon im Voraus scheitern musste.

Hereditary zeigt den Horror als tief im Menschen verwurzeltes Grauen

Wie der Regisseur im Interview mit Den of Geek erzählt, übte das Melodram einen wesentlich größeren Einfluss auf seine Arbeit aus als das Horror-Genre. In erster Linie wollte Aster einen Film drehen, der das Leiden an sich ernst nimmt und die Gefühle der Betroffenen ehrt, indem er diese so authentisch wie möglich auf die große Leinwand übersetzt. Die inneren Zustände der Figuren galt es so sichtbar wie möglich nach außen zu transportieren, weshalb Hereditary - Das Vermächtnis laut Aster ein bewusst "expressionistischer Film" werden musste, der das in Bilder fasst und darstellt, was viele Betroffene nicht einmal auszusprechen wagen.

Von sichtbarem Horror ist in Hereditary - Das Vermächtnis jedoch lange Zeit wenig zu sehen. Über mehr als die erste Hälfte hinweg inszeniert Ari Aster seinen Film vielmehr als sehr dunkles Familiendrama, in dem sich Annie (Toni Collette) mit dem Tod ihrer Mutter auseinandersetzen muss. Das Ableben der Matriarchin legt sich wie ein dunkler Schleier über die Figuren und Bilder des Films, während der Regisseur jedes Mitglied der hinterbliebenen Familie sorgfältig beleuchtet und in ein komplexes Verhältnis zueinander setzt. Während Annies Mann Steve (Gabriel Byrne) überfordert auf Distanz geht und als stumme Präsenz im Hintergrund verweilt, reagieren die beiden Kinder wesentlich stärker auf den Tod der Großmutter. Sohn Peter (Alex Wolff) bleibt auffällig unberührt und Tochter Charlie (Milly Shapiro) voller Sorge darüber, wer sich denn nun um sie kümmern würde.

Am stärksten scheint jedoch Annie selbst betroffen zu sein, die heimlich eine Trauergruppe besucht, um ihren Gefühlen gegenüber dem Tod ihrer kalten, seit längerer Zeit entfremdeten Mutter irgendwie ein Ventil verleihen zu können. Dass ihr dies im engsten Kreis nicht möglich ist, spricht bereits Bände über die Dynamik dieser Familie, die von vergangenen und gegenwärtigen Traumata ebenso erschüttert wird wie von schweren Konflikten. Diese werden in Asters Film nach und nach mit unerbittlicher Härte nach außen gekehrt. Konventionelle Schockmomente, aus denen sich der gegenwärtige Mainstream-Horror zu einem Großteil zusammensetzt, fehlen in Hereditary - Das Vermächtnis fast vollständig. Ersetzt werden sie hier neben desorientierenden Traumsequenzen vielmehr durch emotionale Schocks, wenn Tochter Charlie noch vor der Hälfte des Films durch einen tragischen Unfall ums Leben kommt oder Annie ihrem Sohn in einem hysterischen Wutausbruch unter anderem vorwirft, ein ungewolltes Kind zu sein. In Asters Werk ist der Horror lange Zeit keine unerklärliche Präsenz, die von außerhalb angreift, sondern ein tief im Menschen verwurzeltes Grauen.

Das grauenerregende Finale von Hereditary als konsequenter Schlusspunkt

In einem Film wie Hereditary - Das Vermächtnis, in dem das Verdrängte, Ungewollte sowie Unvermeidliche auf exzessive Weise an die Oberfläche befördert wird und tiefgreifende Gefühle wie Trauer und Verlust nur über extreme Darstellungsweisen Ausdruck finden, markiert das kontrovers diskutierte Finale lediglich einen logischen Schlusspunkt. Nachdem der Regisseur zuvor mit Elementen des Haunted House-Horrors sowie dämonischen Momenten der Besessenheit liebäugelt und schaurige Séancen mit übernatürlichem Grusel verbindet, steht das Finale von Hereditary - Das Vermächtnis auf konsequent entfesselte Weise für den endgültigen Kontrollverlust der Familienmitglieder.

Wenn sich Annie im Finale vor den Augen ihres Sohnes selbst den Kopf abschneidet, nachdem sie zuvor monströse Anwandlungen gezeigt hat, und das Haus der Familie von einer sektenähnlichen Gruppierung nackter Menschen infiltriert wird, erwächst Asters Werk zu einem Horrorfilm, der seine Genre-Herkunft aus allen Poren herausschreit. Die Mythologie von Paimon, einem der Könige aus der Hölle, erscheint in alptraumhaften Impressionen, um am Ende in bizarrer Vollendung verwirklicht zu werden. Das Finale von Hereditary - Das Vermächtnis ist kein Grund, den Film zu verteufeln, sondern eine faszinierende Kulmination zuvor angerissener Motive und Themen. Erst auf dem Höhepunkt der Paranoia und Verzweiflung, wenn die Familie unwiderruflich aneinander gescheitert ist, traut sich auch Ari Aster mit seinem großteils tiefschwarzen Drama, das nur vereinzelte Momente überspitzter Komik zulässt, aus dem Schatten des Horrorfilms heraus, um ihn letztendlich doch noch lustvoll zu umarmen.

Lest hier die Gegenmeinung: Kläglicher Grusel: Hereditary versagt als Horrorfilm und Drama

Was haltet ihr von dem Finale von Hereditary - Das Vermächtnis?

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