Zum Kinostart von Regression

Die geheimen Gesichter des Ethan Hawke


Ethan Hawke in Regression
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An Ethan Hawke kann man einiges widersprüchlich finden. Er dreht keine Blockbuster und bewegt sich seit jeher abseits vom Hollywood-Mainstream, gehört aber zweifellos zu den bekanntesten Schauspielern im US-Kino. Und obwohl er nie wirklich weg war, ist ihm in den letzten Jahren dennoch ein furioses Comeback geglückt: Mit Oscarnominierungen als bester Nebendarsteller und Drehbuchautor für Boyhood und Before Midnight einerseits, aber auch mit profitablen Horrorfilmen wie Sinister und The Purge - Die Säuberung, über die sein alter Freund und neuer Erfolgsproduzent Jason Blum ihm zu einer unerwarteten Spätkarriere als Genrestar verhalf. Demnächst wird Ethan Hawke im Psychothriller Regression zu sehen sein, der am 1. Oktober 2015 in den deutschen Kinos startet. Dort spielt er einen von Albträumen geplagten Police Detective, es ist seine erste Zusammenarbeit mit dem spanischen Filmemacher Alejandro Amenábar, der nach längerer Regiepause an die Mystery-Dramen Öffne die Augen und The Others anknüpft. Kurzum: Ethan Hawke muss man wieder auf dem Schirm haben.

Dabei gab eigentlich nie einen Grund, dessen sicherlich nicht unstrategisches, aber auf eine sehr zuverlässige Art unvorhersehbares künstlerisches Schaffen jemals nicht aufmerksam zu verfolgen. Über 50 Spielfilme drehte der gebürtige Texaner seit 1985, als er mit 14 Jahren in Explorers - Ein phantastisches Abenteuer erstmals vor der Kamera stand. Den für künftige Rollen entscheidenden Figurentypus des nach innen gewandten Romantikers formte daraufhin bereits sein zweiter und bis heute erfolgreichster Film: Der Club der toten Dichter zeigt Ethan Hawke als schüchternen Internatsschüler, dem Lehrer Robin Williams erst ordentlich Selbstvertrauen beibringen muss, um seine Ziele verwirklichen zu können. Privat spornte der im letzten Jahr verstorbene Schauspieler das junge Talent damals nicht weniger an: Williams verschaffte Hawke seinen ersten Agenten und half ihm, die nicht-profitorientierte New Yorker Theatergemeinschaft Malaparte zu organisieren. Sie legte den Grundstein einer längst nicht nur auf Filmarbeiten beschränkten Karriere.

Ethan Hawke ist kein actor's actor. Er muss nicht alles in eine Rolle legen und muss auch nicht zur Rolle selbst werden, an ausgestellten Befindlichkeiten seiner Figuren hat er schon gar kein Interesse. In Hawkes Filmen sucht man vergeblich nach Show-Off-Mechanik: Den einen großen Moment, den Oscar-kompatiblen Ausschnitt erklärwütiger Charakterpsychologie, enthalten uns seine Figuren vor. Sie geben wenig von sich preis, weil ihre Schwierigkeiten, sich mitteilen zu können, sie überhaupt erst zu interessanten Figuren machen. Bis zuletzt etwa bleibt Troy Dyer, der weltverlorene Schriftsteller aus Reality Bites - Voll das Leben, ein unergründlicher junger Mann. Seine Empfindsamkeit hält er hinter altklugen Popkulturzitaten versteckt, der besten Freundin gesteht er nicht seine Liebe, sondern gibt viel zu lange den abgeklärten Draufgänger. Ethan Hawke spielt diesen emotional verstellten Lebenskünstler mit brüchiger Stimme und zärtlicher Neugier an dessen Geheimnissen, ganz ohne Leistungsschau.

Er bewahrte solche und ähnliche Figuren damit schon zu Beginn seiner Karriere vor jenen Schubladen, in die die Filme und deren Vermarktung sie manches Mal zu stecken versuchten: Sensible Tagträumer, ewig adoleszente Jungs , Prototypen der Generation X – viele Etiketten hefteten dem heute 44-jährigen Schauspieler an, doch keines wurde ihm ultimativ gerecht. Vielleicht auch dauerte es deshalb einige Jahre, bis die hiesige Branche ihn für große Filmpreise in Betracht zog: Erst 2002 nominierte sie Ethan Hawke das erste Mal für einen Oscar, nachdem er sich mit Training Day und der Rolle des LAPD-Officers Jake Hoyt aus seiner vermeintlichen Komfortzone herausbewegte. Übersehen hingegen wurden seine zahlreichen ungleich subtileren Performances: Als raumfahrtbesessenes "Gotteskind" Vincent Freeman in Gattaca, als Gerichtsreporter Ishmael Chambers in Schnee, der auf Zedern fällt, besonders aber als kleinkrimineller Verlierer Hank Hanson in Tödliche Entscheidung - Before the Devil Knows You're Dead überzeugte Hawke mit Rollen wundersam eigenartiger Männer, die er vorsichtig abtastete, statt sie demonstrativ zu enthüllen.

Die Annäherung an seine Figuren ist eine bemerkenswert unbestimmte. Oft erweckt sie den Eindruck, als begreife auch Ethan Hawke diese Rollen nicht, als wolle er mit uns gemeinsam auf eine emotionale Entdeckungsreise gehen. Möglicherweise ist er sich über die Unsicherheiten ihrer geheimen Gesichter erst einmal selbst kaum im Klaren, sein Schauspiel daher ein hochintuitives: Geradezu hibbelig treten die in eigentlich allem unerfahrenen Figuren von Ethan Hawke auf – und sie sind auf ein Gegenüber angewiesen, das bereit ist, auf diese Nervositäten empathisch zu reagieren. Winona Ryder erwies sich in Reality Bites als dessen ideale Filmpartnerin, weil sie seine aus Angst vor Verletzung hochgezogenen Gefühlsmauern sanft einzureißen wagte. Julie Delpy wiederum, Hawkes große Leinwandliebe in Before Sunrise und den bislang zwei Fortsetzungen, forderte diese auch gern mal anstrengende Attitüde spitzzüngig heraus: "Rooster prick" nennt ihre Figur den durch Europa reisenden US-Amerikaner, weil er nicht zugeben kann, dass ihn die Trennung von seiner Freundin unheimlich schmerzt.

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