Der Hays Code - Als sich Hollywood die Selbstzensur auferlegte


Der Hays Code
© Warner Bros. / MGM / Paramount
Der Hays Code
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Beeblebrox Matthias Hopf
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Seitdem es Filme gibt, existiert eine gewisse Skepsis gegenüber den bewegten Bildern. Das fängt bei der überwältigenden Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat an und erstreckt sich bis in das Umfeld, in dem ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert Filme gezeigt wurden. Jeder darf das sehen, was der Projektor auf die große Leinwand wirft. Von konkreten Altersbeschränkungen oder anderweitigen, durch das Gesetz bestimmten Vorgaben war zur Geburtsstunde des Kinos nicht viel zu entdecken. Es sollte allerdings nicht lange dauern, bis im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts die Rufe nach einer Regulierung des Dargebotenen laut wurden, sodass aus der Not heraus der sogenannte Hayes Code (aka Production Code) geschaffen wurde.

Das große Missverständnis des Hays Code

Um den Hays Code zu verstehen, gilt es zuerst jedoch, das größte Missverständnis um diesen aus der Welt zu schaffen: Wie fälschlicherweise oft angenommen, handelt es sich bei der Maßnahme um keine staatliche Zensur. Stattdessen versuchte die MPPDA (Motion Picture Producers and Distributors of America), die 1922 gegründet wurde und um das zunehmend negativ werdende Image der Traumfabrik besorgt war, mit der Einführung des Hays Code dieser drohenden Gefahr zu entgehen. Bevor der Staat (oder eine lokale Gruppe) eingreift, sollte ein eigens aufgestelltes Regelwerk die gezeigten Inhalte bestimmen. Als Mann der Stunde entpuppte sich Will Hays, der nicht nur als Wahlkampfchef des republikanischen Präsidenten Warren Harding tätig war und somit über reichlich politische Kontakte verfügte, sondern ebenfalls ein gutes Standbein bei den Moralhütern der Nation vorzuweisen hatte.

Will Hays formuliert 1927 nach umfangreicher Recherche eine Liste mit verschiedenen Unterpunkten, die als Don'ts und Be Carefuls in die Filmgeschichte eingingen. Bei den Don'ts handelt es sich um 11 Dinge, die auf keinen Fall in eine Produktion integriert werden sollten. Die Be Carefuls hingegen, 25 an der Zahl, waren unter Umständen möglich, trotzdem aber mit Vorsicht zu genießen. Die Palette an Themen erstreckt sich dabei über alles, was auch nur im entferntesten anstößig sein könnte, fokussierte sich vorerst aber insbesondere auf die explizite Darstellung von (Gewalt-)Verbrechen sowie die Heroisierung von Kriminellen. Generell brenzlig wurde es, wenn sexuelle Inhalte auf der Leinwand gezeigt wurden, die vor allem die Ehe als ultimative Institution zwischen Mann und Frau infrage stellten. "Sexuelle Perversion" gesellte sich ebenfalls zu den strengen Tabus, womit damals jegliche Form von Homosexualität gemeint war.

Wenn der Hays Code an seine Grenzen trifft

Weiterhin war vulgäres Verhalten unerwünscht, genauso wie Obszönität und Profanität. Ausschweifende Tänze sollten im gleichen Atemzug der Kinos verwiesen werden wie prächtige Kostüme, die den ausschweifenden Lebensstil und die Exzesse der 1920er Jahre verherrlichten. Die Religion war derweil stets mit Respekt zu behandeln, ebenso das Gesetz, der Moralapparat und das Nationalgefühl. Wer christliche Werte missachtete oder sogar den Namen Gottes missbrauchte, konnte gleich seine Koffer packen. Aus "Oh, God!" wurde "Oh, Boy!" und jeder leidenschaftliche Kuss fiel im Schneideraum der Schere zu Opfer. Filmsets wurden fortan ohne Doppelbetten geplant, eine Schwangerschaft im besten Fall nie ins Drehbuch geschrieben und um Prostitution generell einen Bogen gemacht. Das Wunder der Geburt fand im Off statt, während Drogen quasi nicht existierten.

Schon bald offenbarten die von Will Hays aufgestellten, mitunter absurden Regeln ihre Grenzen. Etwa wenn die - durchaus düstere - Geschichte des eigenen Landes zum Gegenstand der Handlung wurde, die amerikanische Flagge jedoch nur strahlend über Mord und Totschlag wehen durfte. Auch im Hinblick auf die Darstellung von Sklaverei hatte der Hays Code strikte Regeln ausgesprochen, die gewisse (Schreckens-)Bilder förmlich aus dem Kino verbannten. Gleichzeitig schaffte es ein Regisseur wie Howard Hawks trotz alledem, eine brutale Gangster-Geschichte wie den 1932 erschienenen Narbengesicht auf die Leinwand zu bringen, obwohl der Hays Code am 31.03.1930 in aller Förmlichkeit eingeführt wurde. Sexuell anzügliche Inhalte - vor allem in Verbindung mit dem Namen Mae West - eroberten aber ebenso mit konstanter Regelmäßigkeit die Kinos.

Der Hays Code wird strenger, denn es geht ums Geld

Als sich 1933 die Situation verschärfte (etwa durch den Präsidentenwechsel, der mit einem neuen nationalen Zensurgesetz drohte), war die MPPDA gezwungen, den Hays Code noch ernster anzugehen. Besonders die Catholic Legion of Decency wollte mit protestantischer und jüdischer Unterstützung durch einen Boykottaufruf die Unzucht im Kino verbieten. Erneut wurde der Hays Code von den Studios als freiwillige Selbstbeschränkung erkannt und in Kauf genommen, bevor der Fremdeingriff in ihre Produktionen erfolgte. Es folgte die Gründung der PCA (Production Code Administration), wobei die moralische Sorge gar nicht an erster Stelle stand, sondern eine geldliche: Ab sofort waren für jeden ohne PCA-Siegel im Vorspann laufenden Film eine Strafe von 25.000 Dollar fällig. Viel schlimmer noch: Sollte das Siegel fehlen, durften die in keinen MPPDA-Kinos gezeigt werden.

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Für kostspielige Produktionen, die viel Geld einspielen sollten, war der Hays Code fortan definitiv eine ernstzunehmende Angelegenheit, denn ein Großteil der Spielstätten im US-amerikanischen Raum unterstanden der Aufsicht der MPPDA und wurden somit von den Major-Studios kontrolliert. Der Hays Code wurde also zum Standard und begründete seine fortwährend dominierende Strenge damit, dass Filme als Kunstform (obgleich damals noch nicht als solche juristisch festgelegt) eine moralische Pflicht zu verantworten hätten. Auch die Kunst kann böse Effekte nach sich ziehen - das war den Studios in den 1930er in ihrem Marketing-Sprech klar, sodass grenzwertige Szenen gar nicht mehr gedreht wurden, um spätere Komplikationen zu vermeiden und schon während der Produktion Kosten zu sparen. Leicht verdauliches Popcornkino aus Hollywood, lautete die Devise.

Der Hays Code als Kassenschlager und kreativer Brunnen

Dieser frische Wind, der im Kontrast zur Großen Depression und den Zweiten Weltkrieg stand, verwandelte das Kino nicht nur wieder in einen sicheren Zufluchtsort mit Happy End, sondern bescherte den Studios ebenso beachtliche Box Office-Zahlen. Gleichzeitig befeuerte der Hays Code Mythen und Legenden, etwa dass David O. Selznick für die Verwendung des Satzes "Frankly my dear, I don't give a damn" in Vom Winde verweht eine Strafe von 5.000 Dollar bezahlte. Tatsächlich konnte der Konflikt dank einer eigens von der MPPDA aufgestellt Regulierung für den (kontextuellen) Gebrauch der Wörter "hell" und "damn" geklärt werden, sodass das Südstaaten-Epos allem Trubel zum Trotz ungeschnitten in die Kinos kam. Dennoch förderte der Hays Code mit seinen strickten Richtlinien auch eine ungeahnte Kreativität unter Hollywoods Filmemachern zutage.

Das Verbotene fand plötzlich zwischen den Zeilen im Drehbuch statt und wurde in verschiedenen Einstellungen oftmals nur angedeutet, während vordergründig einfach unspektakuläre und harmlose Dinge die Leinwand in Beschlag nahmen. Gewalt wurde ins Off verlagert, während zweideutige Dialoge ganze Welten an brenzligen Themen eröffneten. So lässt Alfred Hitchcock etwa am Ende seines Meisterwerks Der unsichtbare Dritte einen Zug in einen Tunnel fahren, während sich Cary Grant und Eva Marie Saint nach einem romantischen Abenteuer voller Gefahren gemeinsam ins Bett begeben. Mit jener berühmt-berüchtigten Einfahrt in den Tunnel kündigte sich allerdings auch das Ende des Hays Code in Hollywood an. Wenngleich Hitchocks Werk nicht alleine dafür ausschlaggebend war, bröckelte das Will Hays' Regelwerk in den 1960er Jahren.

Das Ende des Hays Code in Hollywood

Bereits 1956 leistete Otto Preminger mit Der Mann mit dem goldenen Arm seinen Beitrag zum Untergang des Hays Code, indem er sich mit dem Thema Drogensucht auseinandersetzte und Frank Sinatra in einen fragwürdigen Antihelden verwandelte. Ohne PCA-Siegel wurde der Film trotzdem von zahlreichen Kinos gezeigt, womit der Untergang des Hays Code gewissermaßen besiegelt war. Filme wie Glut unter der Asche, Plötzlich im letzten Sommer und Alle meine Träume setzten den Trend fort, ehe Wer hat Angst vor Virginia Woolf? und Blow Up dafür sorgten, dass Jack Valenti, Vorsitzender der inzwischen zu MPAA (Motion Picture Association of America) umbenannten MPPDA, in einer seiner letzten Amtshandlungen veranlasste, den Hays Code 1967 abzuschaffen. 1968 folgte die Einführung eines Rating-Systems von der MPAA, das unserem FSK-System in Deutschland gar nicht so unähnlich ist und bis heute existiert. Unterschieden wird seitdem in fünf Kategorien sowie einer Kennzeichnung für ungeprüfte Filme.

Das große moviepilot Themenspecial: FSK, Index, Zensur - Ist das noch zeitgemäß?


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