20 Jahre Armageddon: Niemand muss sich schämen, diesen Film zu lieben


Armageddon
© Buena Vista
Armageddon
moviepilot Team
Jenny von T Jennifer Ullrich
folgen
du folgst
entfolgen
You want it darker, we kill the flame.

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurde das Kino von einer regelrechten Welle an Katastrophenfilmen überschwemmt. Sich auffällig ähnlich sehende Spektakel wie Independence Day und Apollo 13 gaben sich die Klinke in die Hand und beschwören heute nostalgische Gefühle für jene Zeit, in der Blockbuster das Versprechen eines schnörkellosen eskapistischen Vergnügens sogar oder erst recht im Angesicht drohender Vernichtung auf der Leinwand noch regelmäßig einlösten. Eine Ausnahmestellung kommt hier Armageddon - Das jüngste Gericht zu. Dass er nur wenige Monate nach seinem vergleichsweise bodenständig inszenierten Konkurrenten Deep Impact startete, konnte den Film am Box Office ebenso wenig stoppen wie die ersten belustigten Stimmen aus Cannes. An der Croisette wurde im Frühjahr 1998 ein 50-minütiger Zusammenschnitt der damals noch unfertigen Produktion gezeigt, auf den die meisten Kritiker mit Gelächter reagierten. Schließlich entschuldigte sich sogar Regisseur Michael Bay persönlich für seinen Kinohit - unnötigerweise versteht sich, denn Armageddon ist ein entfesselter Rohdiamant der Filmgeschichte, vollkommen erst in seiner Maßlosigkeit.

Hier könnt ihr euren Geschmack dem nächsten Härtetest unterziehen: 10 Jahre Mamma Mia!

Armageddon folgt seiner eigenen magischen Blockbuster-Logik

Der Charme des Films spricht bereits durch die Prämisse der Drehbuchs, wonach eine unzurechenbare Gruppe von Ölbohrexperten in den Weltraum geschickt wird, um einen mit Vollgas auf die Erde zurasenden Asteroiden von innen zu sprengen. Wie auch Ben Affleck gegenüber Michael Bay anmerkte, wäre es wohl weniger umständlich gewesen, einer Astronauten-Crew das Bohren beizubringen, woraufhin der Darsteller jedoch nur schroff dazu angehalten wurde, "einfach die Klappe" zu halten. Überhaupt hält Armageddon einer Plausibilitätsprüfung nicht einmal oberflächlich betrachtet stand und doch beschäftigten sich (angehende) Wissenschaftler ernsthaft mit der Frage, ob beziehungsweise wie Bruce Willis tatsächlich die Welt hätte retten können. Wenn das nicht für die Sogkraft des Films spricht, was dann?

Mit voller Kraft beschwört Michael Bay den Heldenstatus einer Männertruppe, deren Mitglieder allesamt ziemlich durchgeknallt sind, dabei aber noch genügend Identifikationspotenzial mitbringen - allen voran der alleinerziehende Vater Harry Stamper (Willis) mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt sowie auch Charles (Will Patton), der mit der Trennung von seiner Frau zu kämpfen hat und gegenüber seinem eigenen Kind zu Anfang nicht einmal seine Identität preisgeben darf. Jener Charles ist es schließlich aber auch, für den Armageddon seinen wahrscheinlich effektivsten Pathos-Erdrutsch bereithält, welcher wiederum gerade in seiner Beiläufigkeit seine ganze Pracht entfaltet: Im Fernsehen erkennt der kleine Sohn den vermeintlichen "Vertreter" wieder, den die Mutter nun endlich als Vater des Kindes ausweist. Eingewoben ist besagte Offenbarung wohlgemerkt in eine denkwürdige Kitsch-Montage getragen von einer feierlichen Präsidentenansprache. Darauf muss ein Drehbuchautor oder Regisseur erst einmal kommen.

Armageddon macht Ernst mit dem Angriff auf unsere Gefühle

Die Stärken des genüsslich überlangen Armageddon liegen klar in der rundum funktionierenden ersten Hälfte des Films, die mit relativ wenig Action, dafür aber köstlichen Charaktermomenten aufwartet. Unvergessen zum Beispiel ist eine spielerische Liebesszene, in der Ben Affleck tierförmige Kekse über den Bauch von Grace (Liv Tyler) wandern lässt. Ob es möglich sei, dass in genau diesem Augenblick jemand anderes auf dem Planeten das exakt Selbe tue, fragt die junge Frau vor malerischem Sonnenuntergang mit verträumtem Blick. A.J. (Affleck) entgegnet, dies hoffe er doch, sonst mache es keinen Sinn, diese Welt zu retten. Ein ums andere Mal konfrontiert uns Bay mit einer (natürlich) berechnenden Naivität und doch wirkt es so, als sei der Film sich ihrer ganz und gar nicht bewusst. 20 Jahre später regiert im Blockbuster-Kino ein an Christopher Nolan geschulter Ernst, einerseits. Andererseits ist da noch der gefühlsabstinente Superheldenhumor der Avengers, sodass die entwaffnende Romantik von Armageddon nunmehr eigentlich nur wie ein unverschämter Angriff auf unsere veränderten Sehgewohnheiten anmuten kann. Was für eine Wohltat!

Armageddon mag nach wie vor belächelt werden. Auf etwa die Tatsache, dass sich zwischenzeitlich sogar das renommierte US-Label Criterion dem Film mit einer glorreichen DVD-Veröffentlichung inklusive schillerndem Audio-Kommentar annahm, haben allerdings auch die Zweifler keine Antwort. Tatsächlich weiß der Film eine treue Fanbasis hinter sich und in Kommentaren auf YouTube ist nicht selten zu lesen, Michael Bay schaffe es, selbst in der gleichgültigsten Person patriotische Emotionen zu wecken (freilich ist die Rettung der Menschheit in Armageddon den Amerikanern vorbehalten). Seit ich den Film für mich entdeckt habe, schaue ich ihn mindestens einmal pro Jahr, denn hin und wieder muss ich einfach sehen, wie Haudegen Bruce Willis Tränen vergießt, Steve Buscemi einen Schenkelklopfer nach dem anderen raushaut und Peter Stormare als mürrischer Russe für Turbulenzen sorgt. Gäbe es Armageddon nicht, würde ihn heute niemand mehr erfinden. Ein Hoch auf die 1990er!

Wie sehr liebt ihr Armageddon?

moviepilot Team
Jenny von T Jennifer Ullrich
folgen
du folgst
entfolgen
You want it darker, we kill the flame.
Deine Meinung zum Artikel 20 Jahre Armageddon: Niemand muss sich schämen, diesen Film zu lieben
86e78e0af88c406aa12826a4971ab746